Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat verurteilt 20-jährigen Serben per Strafbefehl für Attacke auf LGBT-Stand

Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat verurteilt 20-jährigen Serben per Strafbefehl für Attacke auf LGBT-Stand

Florian Schoop

Die Attacke dauert nur wenige Sekunden: An einem frühen Samstagnachmittag im Mai vergangenen Jahres stapfen beim Zürcher Lochergut vier junge Männer in Trainerhosen, Kapuzenjacken und Turnschuhen durch das hohe Gras am Rand der Strasse. Ihr Ziel: ein Informationsstand von LGBT-Aktivisten. Einer reisst eine Girlande weg und wirft den Tisch samt Flyern und Essen um, ein anderer kickt ein Tablett zu Boden und stiehlt eine Regenbogenfahne. Nur wenig später kehrt einer der Männer zurück, bedroht die Aktivisten erneut und packt einen von ihnen am Hals. Dann lässt er von ihm ab und macht sich aus dem Staub. Der Angriff hat hohe Wellen geschlagen, und er hinterliess offene Fragen: Schwulenfeindliche Übergriffe im angeblich so offenen Zürich? Wer macht so was, und das ausgerechnet am internationalen Tag gegen Homophobie?

Mehrere Vorfälle im 2019

Eine Antwort darauf gibt nun die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat. Sie hat einen 20-jährigen Serben wegen schwerer Drohung und Tätlichkeiten per Strafbefehl verurteilt. Der Mann hat nicht nur den Stand verwüstet, sondern wurde auch handgreiflich. Denn als ihn ein Standbetreuer ansprach, packte er diesen und forderte ihn auf, sich «zu verpissen» – sonst schlage er ihn zusammen. Der Serbe wurde mit einer bedingten Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 30 Franken bestraft, wovon ein Tagessatz bereits durch Haft erstanden ist. Hinzu kommen Verfahrenskosten und eine Busse von insgesamt 1100 Franken.

Nebst der Staatsanwaltschaft wurde in dem Fall auch die Jugendanwaltschaft Zürich-Stadt aktiv. Sie eröffnete Strafuntersuchungen gegen zwei Minderjährige wegen geringfügiger Sachbeschädigung sowie geringfügigem Diebstahl. Eines dieser Verfahren wurde laut der Sprecherin Sarah Reimann mittlerweile eingestellt. Dem Jugendlichen habe eine Beteiligung am Angriff nicht nachgewiesen werden können. Die Untersuchung gegen den zweiten Beschuldigten ist noch hängig.

Der Angriff auf den LGBT-Stand war der Anfang von mehreren Attacken auf Homosexuelle in Zürich im letzten Jahr. Hier eine Chronologie:

  1. Juni 2019:

Nach dem LGBT-Festival Zurich Pride wird ein homosexuelles Paar beim Lochergut von drei schwarz gekleideten Männern erst angepöbelt, dann verprügelt und verletzt.

  1. September 2019

: Fünf Männer pöbeln vor dem Queer-Klub «Heaven» im Niederdorf ein schwules Paar an und beleidigen es als «Schwuchteln» und «Missgeburten». Dann verprügeln sie die beiden.

  1. Dezember 2019

: In der Silvesternacht sprechen drei Männer mit ausländischem Akzent im Niederdorf ein homosexuelles Paar an. Ob sie schwul seien, wollen sie wissen. Als einer der beiden bejaht, schüttet einer der Angreifer ihm erst einen Drink ins Gesicht, dann schlagen die Täter zu. Auch als die beiden am Boden liegen, prügeln die Männer weiter auf ihre Opfer ein.

  1. Februar 2020

: Vor dem Klub «Heaven» kommt es erneut zu einer homophoben Attacke. Jugendliche beschimpfen erst zwei junge Männer. Als ein Dritter schlichten will, wird er von mehreren Männern zusammengeschlagen. Immer wieder fällt das Wort «Schwuchtel». Zwei Sicherheitsmänner des Klubs wollen eingreifen. Darauf zückt einer der Angreifer ein Messer und verletzt einen Security-Mitarbeiter an der Schulter. Ein weiterer Mann erleidet eine Platzwunde am Kopf.

Stärkere Polizeipräsenz

Nicht immer kann die Polizei die Angreifer ausmachen. Im Zusammenhang mit der Attacke in der Silvesternacht aber nahmen die Behörden vier Jugendliche im Alter zwischen 15 und 17 Jahren fest. Die Jugendanwaltschaft Unterland eröffnete darauf vier Strafuntersuchungen. Zwei dieser Verfahren konnten laut der Sprecherin Sarah Reimann bereits abgeschlossen werden. Ein Jugendlicher wurde wegen Raub und Angriff schuldig gesprochen, ein zweiter wegen Angriff und Beschimpfung verurteilt. Die Untersuchungen gegen die zwei weiteren Beschuldigten sind noch pendent.

Erfolgreich war auch die Fahndung gegen die Angreifer der Attacke vom Februar. Ein 15-jähriger Syrer konnte unmittelbar nach der Tat festgenommen werden. Die Untersuchungen wegen Angriff und einfacher Körperverletzung wurden derweil auf drei weitere Jugendliche ausgeweitet. Alle vier Strafverfahren sind laut Reimann noch hängig. Reimann ergänzt: «Ob und inwieweit das Motiv der einzelnen Personen homophob begründet war, ist ebenfalls Gegenstand der laufenden Strafuntersuchung.»

Die Vorfälle gaben auch politisch zu reden. Nach der Attacke im Zuge der Zurich Pride meldete sich unter anderem die homosexuelle Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch (sp.) auf Facebook zu Wort. Solche Angriffe seien «absolut inakzeptabel». Sie zeigten, dass man punkto Gleichstellung noch nicht am Ziel angelangt sei. Auf die Angriffe reagierte die Stadt im Januar, und zwar mit mehr Polizeipräsenz rund um den Zähringerplatz.

Aus dem NZZ-E-Paper vom 29.07.2020

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